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Alles sauber geblieben? Sitzt die Kleidung gut? Noch einmal tief durchatmen… Du schaffst das! Oh, jetzt geht’s los…

Gratulation – Sie haben es geschafft! Sie konnten mit Ihren Bewerbungsunterlagen punkten und wurden zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Obwohl – Sie haben sich ja schon mit Ihren Unterlagen beworben…

OK, Sie konnten mit Ihren Bewerbungsunterlagen punkten und wurden zum Vorstellungsgespräch… Nee, mit Ihren Unterlagen haben Sie sich ja auch irgendwie schon vorgestellt…

Nennen wir das Kind beim Namen: Sie befinden sich im Einstellungsgespräch!

Im ersten Moment mag das wie eine Spitzfindigkeit wirken, aber ich möchte, dass wir von dem sprechen, was es ist – einem Einstellungsgespräch.

Denn bei diesem Gespräch geht es letztendlich darum, ob Sie eingestellt werden!

Schließlich hat der Arbeitgeber ein drängendes Problem – er braucht zur Erbringung seiner Dienstleistung oder zur Herstellung seines Produktes sprichwörtliche Arbeitskraft. Und es gibt nur drei realistische Möglichkeiten:

  1. die Arbeit wird auf die bereits Beschäftigten verteilt – in aller Regel leiden auf Dauer hier jedoch Qualität der erbrachten Arbeit und die Belastbarkeit der Arbeitenden
  2. der Personaler erledigt die Arbeit selbst – dafür ist er jedoch zumeist weder qualifiziert noch ist die Möglichkeit wirtschaftlich sinnvoll
  3. für die zu erbringende Arbeit wird eine neue Person eingestellt – dies stellt nach Kosten-Nutzen-Abwägung die beste Option dar

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Zwischen Bewerber und Arbeitgeber wird im Einstellungsgespräch ein Geschäft auf Gegenseitigkeit angebahnt – Arbeitskraft gegen Bezahlung.

Die meisten Bewerber begehen jedoch den fatalen Fehler, sich als Bittsteller zu begreifen. Die Folge davon ist, dass sie sich als Spielball des Personalers fühlen, dem sie beinah gottgleich ausgeliefert sind – dass vielen dann die Luft wegbleibt und das Gespräch einen unguten Charakter bekommt, ist klar.

Machen Sie sich bewusst, dass Sie kein Bittsteller sind, sondern Lieferant Ihrer Arbeitskraft, die vom Arbeitgeber so dringend benötigt wird und die er gegen Bezahlung auch gerne in Anspruch nehmen möchte.

Sie sind also durchaus auf Augenhöhe mit dem Personaler – und mit dieser Einstellung geht es gleich viel selbstbewusster und zuversichtlicher ins Gespräch.

Ablauf des Einstellungsgesprächs

Sicherlich – kein Gespräch verläuft wie das andere und jeder Personaler hat seine eigene Art der Gesprächsführung.

Dennoch habe ich nach Feedbackgesprächen mit Hunderten von Bewerbern, die von ihren Erfahrungen in Einstellungsgesprächen berichteten, ein gewisses Schema entdeckt, das dem Großteil aller Gespräche zugrunde liegt und dass wir uns jetzt näher anschauen werden:

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Begrüßung & small-talk

„Haben Sie gut hergefunden?“, „Hatten Sie eine gute Fahrt?“, „Das ist heute ein richtig schöner Sommertag, oder?“ – mit dem small-talk bezweckt der Personaler zweierlei:

  1. es soll eine möglichst entspannte Gesprächsatmosphäre geschaffen werden
  2. die Reaktion des Bewerbers lässt erste Rückschlüsse auf dessen Spontaneität, Humor, Reaktionsverhalten, Wortgewandtheit etc. zu

Lassen Sie sich also auf den small-talk ein – auch Sie erhalten wichtige Eindrücke, nämlich wie der Personaler „tickt“ und ob Ihnen die Unternehmenskultur zusagt.

Getränkefrage

Ein wertschätzender Arbeitgeber wird Ihnen in aller Regel zu Beginn des Gesprächs die Frage stellen, ob Sie etwas trinken möchten.

Nehmen Sie dieses Angebot bitte unbedingt an!

  • Es ist ein Zeichen der Höflichkeit und des Respekts. Der Personaler könnte in der Zeit, in der er mit Ihnen das Gespräch führt, genau so gut eine Stellenausschreibung formulieren, die Gehaltsabrechnung vorbereiten oder ein Personalentwicklungsgespräch führen. Statt dessen nimmt er sich für Sie Zeit – erweisen Sie also bitte die Höflichkeit, das Getränk anzunehmen.
  • Sie wissen nie, wie lang das Gespräch dauern wird. Mein längstes Einstellungsgespräch dauerte zweieinhalb Stunden – ich war sehr froh, etwas zu trinken zu haben!

Aber Vorsicht: Bitte niemals alkoholische Getränke annehmen! Mit diesem Angebot testen Personaler gerne, ob Sie es mit einem Alkoholiker zu tun haben oder mit jemandem, der den nötigen Ernst bei der Arbeit vermissen lässt…

Vorstellungsphase

Jetzt geht es – nach dem vermeintlichen Geplänkel – also los. Entweder beginnt der Arbeitgeber, sein Unternehmen (Historie, Marktposition, Produkte/Dienstleistungen, Ausrichtung etc.) vorzustellen oder er richtet sich an Sie: „Stellen Sie sich doch bitte einmal vor!“, „Mögen Sie ein paar Worte zu sich sagen?“ oder „Na, dann beginnen Sie mal zu erzählen…“ sind drei von vielen möglichen Aufforderungen der persönlichen Präsentation.

Begreifen Sie diesen Part als Möglichkeit, sich bereits hier von anderen Bewerbern positiv zu unterscheiden, indem Sie nicht Ihren Lebenslauf herunterbeten, sondern gewichtet und durchaus gewitzt Ihre Berufs- und Motivationsgeschichte zu erzählen. Im Englischen gibt es dafür den schönen Begriff „story telling“ – sprechen Sie bildhaft davon

  • wie Sie zu Ihrem Beruf gekommen sind
  • wie Sie Brüche im Berufsleben erfolgreich gemeistert haben
  • was Aufgaben und Tätigkeiten Ihrer aktuellen Beschäftigung sind
  • was Sie als Mensch und Mitarbeiter motiviert
  • warum Sie sich für diese Stelle bei diesem Unternehmen bewerben

Frageblock des Arbeitgebers

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Jetzt ist der Arbeitgeber am Zug. Er wird Ihnen nun eine Vielzahl von Fragen stellen.

Viele Bewerber sehen gerade diesem Frageblock mit Bauchschmerzen entgegen, was sie Angst vor schwierigen, fiesen und erwarteten Fragen haben.

Dafür an dieser Stelle ein bemerkenswertes Zitat:

„Dass die meisten von uns, die Bewerbungsgespräche führen, darin nicht sehr gut sind, ist ein Vorteil für die, die sich die Mühe machen sich exzellent vorzubereiten.“

Dieses Zitat stammt nicht von irgendeinem Personaler, sondern von Laszlo Bock, dem Personalchef von Google, die jedes Jahr über 2 Millionen Bewerbungen erhalten.

Was folgt daraus? Machen Sie sprichwörtlich Ihre Hausaufgaben!

Schreiben Sie mindestens 20 Fragen auf, von denen Sie erwarten, dass man Sie Ihnen Stellen wird, und finden Sie darauf jeweils 2-3 mögliche Antworten.

Hier eine kleine Auswahl erfahrungsgemäß häufig gestellter Fragen:

  • Warum haben Sie sich damals für diese Ausbildung/diesen Studiengang entschieden?
  • Welche konkreten Erfahrungen haben Sie im Bereich XY?
  • Können Sie uns bitte ein Beispiel geben, wie Sie mit dem Problem ABC bei der Arbeit umgehen?
  • Was genau ist Ihre derzeitige Aufgabe?
  • Warum haben Sie Ihr Studium nicht abgeschlossen?
  • Warum waren Sie von X bis Y arbeitslos?

Gehen Sie ruhig davon aus, dass Sie im Idealfall damit 90% aller tatsächlich im Gespräch gestellten Fragen bereits auf dem Papier stehen haben.

So vorbereitet gehen Sie viel entspannter und positiver ins Gespräch!

Stärken (+)/Schwächen (-)

Es gibt einem gewissen Wandel unterzogene „Modefragen“ und es gibt „Klassiker“ – zu letzterer Kategorie gehört die Frage nach Stärken und Schwächen.

An dieser Stelle vergessen Sie bitte gut gemeinte Ratschläge, vermeintlich sympathische Schwächen wie Ungeduld oder Pedanterie zu nennen, weil deren „Schokoladenseite“ ja hohe Motivation und Qualitätsstreben seien – diese Ratgeber kennen die Personaler auch…

Nennen Sie stattdessen – nach Möglichkeit im Verhältnis von 3:1 – Stärken und Schwächen mit einem konkreten Berufsbezug. Zwei Beispiele für Stärken:

  • als Berufskraftfahrer – „Ich fahre seit 23 Jahren unfallfrei, habe sehr gute Ortskenntnisse und bin bereits mehrere Modelle, die auch in Ihrem Fuhrpark verwendet werden, gefahren.“
  • als Verkäuferin – “ Ich habe schon 3 Jahre mit dem Kassensystem XY gearbeitet, dass auch bei Ihnen verwendet wird. Zudem habe ich ein halbes Jahr die Aufgaben der stellvertretenden Filialleitung übernommen, als diese erkrankt war. Und ich habe ein Herz für schwierige Kunden, übernehme also auch gerne einen Reklamationsfall.“

Weit schwieriger fällt es vielen jedoch, eine Schwäche zu benennen. Von einem reflektierten Bewerber kann man das aber zu recht erwarten. Entscheidend ist hier, dass Sie um eine Lösung zur Klärung dieser Schwäche wissen und diese nach Möglichkeit parat haben.

  • als Bürokauffrau – „Sie verlangen in der Stellenausschreibung erste Kenntnisse des Projektmanagements. Da ich diese bislang noch nicht hatte, habe ich vor drei Wochen einen Kurs bei Anbieter XY/einen Online-Kurs bei XY begonnen.“
  • als IT-Systemelektroniker – „In der Stellenausschreibung werden Erfahrungen mit der Konfiguration eines Debian-basierten Servers gewünscht. Weil ich diese Stelle so spannend finde habe ich am vergangenen Wochenende zu Hause einen Server mit Debian aufgesetzt und arbeite mich zurzeit in die Bedienung des Terminals ein.“

Sie haben die Lösung bereits und belasten den Personaler nicht mit einem unerwarteten Problem. Aktive, mitdenkende und progressive Mitarbeiter sind ein Plus für jedes Unternehmen.

USP

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„USP“, das sei an dieser Stelle nur kurz ausgeführt, steht für „unique selling point“ – das lässt sich auf Deutsch am besten mit „Alleinstellungsmerkmal“ übersetzen.

„Warum sollten wir uns für Sie entscheiden?“ oder „Warum sind Sie der Richtige für diesen Job?“ sind mögliche Fragen, durch die Sie den Personaler von sich überzeugen sollen.Verunsicherte Bewerber versuchen nicht selten mit Adjektiven wie „fleißig“, „zuverlässig“ oder „motiviert“ für die eigene Person Werbung zu machen. Aber das sind Selbstverständlichkeiten und keine Alleinstellungsmerkmale!

Überlegen Sie sich besser aufgrund Ihrer vorher herausgearbeiteten Stärken, welche davon Ihre größte und beste ist, und überlegen Sie, welche praktische Anwendungsmöglichkeit sich dafür im neuen Job böte. So erkennt der Personaler, welchen Gewinn Sie für das Unternehmen bieten.

Gehaltsverhandlung

Bereits in einem früheren Artikel habe ich ausführlich darüber geschrieben, wie die Gehaltsverhandlung gelingt.

Merken Sie sich einfach eine Grundregel: „Gehalt will begründet sein!“ Und wenn es so etwas wie eine „Gehaltsformel“ gibt, dann ist es diese

  • persönliche Mindestgrenze + min. 20% Aufschlag + USP = Verhandlungsangebot

Sie erklären Ihren Merhwert anstatt einfach nur eine Summe in den Raum zu werfen. Durch die 20% Aufschlag haben Sie genügend „Verhandlungsmasse“, sodass mit hoher Wahrscheinlichkeit am Ende ein Gehaltsangebot steht, mit dem Sie zufrieden sind und das Ihre Ausgaben locker deckt.

Stellendetails

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Die Gehaltsverhandlung ist der engste Punkt des Gesprächs – hier geht es um Eingemachte, hier geht es richtig um die Sache.

Atmosphärisch ist danach dringend eine Öffnung notwendig, um wieder Luft zum Atmen zu schaffen.

Bei den Stellendetails teilt der Arbeitgeber dem Kandidaten wichtige Informationen zur zu besetzenden Stelle mit, z.B.

  • genaues Einstiegsdatum
  • konkrete Aufgabenstellung
  • übergeordnete Zielerreichungsschritte

Noch Fragen?

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„Haben Sie noch Fragen an uns?“

Wer jetzt nicht klar und deutlich „Ja“ sagt macht unter Umständen deutlich, dass es mit der geäußerten Motivation und dem Interesse nicht so weit her sein kann.

Häufig liegt der Grund aber nicht in Desinteresse, sondern in der Aufregung.

Daher der Praxistipp:

Notieren Sie im Vorfeld des Gesprächs alle für Sie persönlich wichtigen Fragen, z.B.

  • Wer wird mein direkter Vorgesetzter sein?
  • Mit welcher Software wird hier gearbeitet?
  • Mit wie vielen Kollegen arbeite ich in der Abteilung zusammen?

Nehmen Sie den Zettel und einen Stift mit ins Gespräch. Eine ehemalige Bewerberin berichtete mir, der Personaler hätte gestutzt und sie gefragt, warum sie denn Stift un Zettel mitgenomen habe. Sie antwortete: „Ich habe mir im Vorfeld viele Gedanken gemacht und den Zettel als Gedankenstütze mitgenommen.“ Woraufhin der Personaler mit einem Schmunzeln erwiderte: „Stimmt, ich habe ja auch etwas zum Schreiben mitgenommen. Eigentlich sollten das noch viel Bewerber machen…“

Zusätzlicher Vorteil: Sollten wider Erwarten tatsächlich alle Ihre Fragen im Gesprächsverlauf beantwortet werden, dann können Sie getrost auf Ihr Blatt verweisen und sagen: „Wie Sie sehen – Sie haben wirklich alle meine Fragen beantwortet.“ Dann ist das keine Floskel, sondern ein ersichtliches Statement.

Weiteres Prozedere

Kurz und knapp wird Ihnen der Arbeitgeber nun mitteilen, wie es im Bewerbungsverfahren weitergeht, z.B.

  • wie lange die Entscheidungsfrist dauert
  • wie viele Bewerber noch im Gespräch sind
  • wie sich die Firma bei Ihnen melden wird (postalisch, telefonisch, per eMail)

Verabschiedung & small-talk

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Geschafft!

Nun liegt das Einstellungsgespräch hinter Ihnen. Jedes Gespräch braucht einen runden Abschluss, auch ein Einstellungsgespräch.

Daher gibt es an dieser Stelle Dank für Ihr Kommen, gute Wünsche für den Weg nach Hause und vielleicht noch ein kleines Bonmot oder etwas small-talk über Ihre Heimatstadt.

Spielen Sie dieses Spiel gerne mit – und vergessen Sie nicht, sich bei Ihrem Gesprächspartner für das Gespräch zu bedanken.

Natürlich läuft bei jedem das Gespräch – mal in mehr, mal in weniger Nuancen – anders. Daher freue ich mich über Ihre Ergänzungen und Ihr persönliches Feedback:

  • Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
  • Welche (positiven/negativen) Überraschungen gab es im Gespräch?
  • Welches Gespräch ist Ihnen nachhaltig in Erinnerung geblieben und warum?